Nacht by Dolch
Dolch
“Nacht”
Doom, Electronic Dark Wave. 2022
• Silver Vinyl,
• Original, limited
• Ván Records
• VÀN330
• neu
“I cannot see you
You clearly
Cannot see me”
Ein Arte Concert Video vom Hellfest, mit der Berliner Band Dolch. Klingt nach Black/Dark Metal und Darkwave. Und wird der Band nicht wirklich gerecht. Es sollen Emotionen transportiert werden, die Musik ist das Vehikel. Dolch erfindet nichts neues, ist auch nicht der Anspruch. Der Anspruch ist etwas musikalisch auszudrücken, und das gelingt stimmungsvoll. Das Album Nacht klingt eher nach Electronic Ambient Dark Wave. Mit Sprenkeln von Doom und Postpunk. Das alles ist reduzierter und bringt die Stimmung auf den Punkt. Die ätherische Stimme der Sängerin passt unglaublich gut. Die Musik steht für die Band, nicht die Namen. M – Gesang, T – Gesang und Gitarre, N Bass, P – Drums, A – Gitarre. Über die Band gibt es nur rudimentäre Informationen. Finde ich das gut? Nö. Muss es auch nicht. Die Musik ist dafür einfach richtig gut. Das Album Nacht ist der zweite Teil einer Trilogie. “Feuer”, “Nacht” und “Tod”. Letzteres ist noch nicht erschienen.
Meine Rezension von „Nacht“ beruht auf der gestreamen Variante. Hier ist der Unterschied zur silbernen vinylen Variante klar zu hören. Gestreamt sind die Instrumente sauber voneinander getrennt, die Stimme von M ist besser verständlich und die gelungene Atmosphäre des Albums kommt so zur Geltung, wie ich sie mir wünsche.
Das Problem scheint für mich nicht die Produktion des Albums an sich zu sein, sondern meine silberne Pressung. Sie ist deutlich leiser und fällt gerade in den ruhigen Passagen durch Störeräusche wie Knacken und Ploppen auf. Dadurch geht das verloren, was „Nacht“ für mich so besonders macht: die feinen Übergänge, die Atmosphäre und diese unglaublich schöne, fast schwebende Stimme. Angeblich soll die schwarze Pressung klanglich besser sein Das kann ich nicht beurteilen, denn ich kenne nur meine silberne Ausgabe. Und die wird dieser verdammt guten Musik leider nicht gerecht.
Die Platte selbst ist eine Gatefold, innen befindet sich das Booklet und rechts ist die LP drin. Das alles liebe ich an Vinyls. Ich habe die Platte mit einer Plattenwaschmaschine gereinigt. Leider klingen die Knackser jetzt nur noch prominenter.
Definitiv ist die Musik, wenn auch Geschmacksache, sehr gut. Mich hat die Platte sofort eingefangen. Ich mag Stimmung. Stimmung ist das falsche Wort. Ambiente trifft es besser. Und die finde ich eher in dunkler Musik. Laut Band kann die Platte als eine städtische Reise durch die Nacht verstanden werden oder eine Reise des Geistes durch die Nacht, zwischen Euphorie und Depression, Licht und Dunkelheit. Ohne dieses Statement vorher gekannt zu haben, hatte ich beim ersten hören das Gefühl, durch mehrere Clubs zu ziehen.
Die ersten drei Songs geben die Richtung vor und ich halte diese Passage für ein Highlight. “Lights Out”, “Open” und “Tonight”. Die Stimme von M passt wie Faust aufs Auge. Sofort wurde ich in die Musik reingezogen. Das schaffen bei mir ganz wenige Platten von Künstlern, die ich bis Dato nicht kannte. “Lights out” beginnt sehr ruhig, mit dunklem Sound, gesprochenen Text (“Take Control, Seeker of the Night”) und übelappenden Gesang (“I can not see you, you clearly can not see me”). Hier herrscht Drone. Nach 01:36 Minuten geht es über in den Song “Open”. Es ist der Gesang, verzerrte Gitarre, mehr Rhythmus und dunkle Keyboards mit langsamen Schlagzeug, die eine fast hypnotische Wirkung auf mich haben. Stimme und Rhythmus bilden eine Einheit, etwas zu ätherisch und schwerer zu verstehen. Und gerade der Text beschreibt den Zustand unserer Gesellschaft ziemlich gut. Für mich der stärkste Song auf dem Album. “Tonight” geht ätherisch weiter, klingt fast schon fröhlich. Der Text ist minimalistisch und doch voller starker Emotion. Neon-Licht, Nachtclub, Vibes von Attraktivität. Und fast genauso könnte hier Gevatter Tod anklopfen. Meine Interpretation und ich liebe dieses Lied. Ich könnte jetzt weiter jeden Song in hohen Tönen loben, das tue ich euch jetzt nicht an. Alleine schon “Mercury” und “Into the Night” sind in ihrer Aufmachung genial. Mehr im Fazit.
Fazit: Würde ich Punkte vergeben, was ich nicht tue, liegt “Nacht” von Dolch oberhalb des Maximums. Ich finde es albern “Nacht” 10 Punkte zu geben und “Darkside of The Moon” auch 10. Es wird beiden Alben nicht gerecht.
Ganz sicher bin ich emotional schwer beeindruckt von dieser Platte. Besonders der zwischen seidiger Zerbrechlichkeit und mentaler Stärke schwingende Gesang hat es mir einfach angetan. Diese Stimme zerfließt für mich förmlich in der Musik.
Die Musik tut ihr übriges, Drone, Darkwave, Industrial, Electronic, Doom, Postpunk und Ambient. Prog-Herz, auch wenn es kein Prog ist, was willst du mehr? Jeder Song, auch die mit sperrigem Titel wie House of Glass (Hydroxytryptamin Baby Part III) hat seine Stärken. Der Sound ist abgespeckt, zelebriert wird manches mal eine gewisse Monotonie, die nicht langweilig ist. Die Kunst ist es, das alles perfekt passend darzubieten. “Lieder” wie “Nacht” mit 19 Sekunden gesprochenen deutschen Text, hier geht das und es passt zum Thema. Der Gesang auf Nacht wird getragen von M, manchmal durch T. unterstützend, welches die Emotionalität noch erhöht. “I am Ok” und “Bird of Prey” sind Beispiele dafür, das T. es auch kann. Ein rundum gelungenes Album. Es würde jeden Tag auf dem Teller liegen, wäre das Vinyl nicht so voller knacksender Geräusche. Gerade weil Nacht von leisen, beinahe schwebenden Passagen lebt, zerstören die Knackser ausgerechnet genau die Momente, in denen Nacht für mich seine größte Wirkung entfaltet.
Die Fotos stammen alle von meiner LP. Die Rechte aller Motive, Logos, Texte und Schriften, die auf den Fotos zu sehen sind, liegen natürlich beim Rechteinhaber.
TheProgThief
©28.08.2024





