Stochastic By CBL
Carbon Based Lifeforms
“Stochastic”
Ambient. Schweden. 2022.
• CD, Digipack
• Original
• Leftfield Records
• LFTFLDCD24
• neu
“Stochastic” der beiden Schweden Daniel Vadestrid und Johannes Hedberg war zunächst nicht als Album gedacht. Beim experimentieren mit selten genutzten Funktionen ihrer Synthesizer, entstanden passive Melodien, die darauf ausgelegt waren, nicht den Fokus abzulenken. Wie der Name Stochastic verrät, waren hier auch Zufall und Wahrscheinlichkeiten am Werke. So entstanden die passiven Klangflächen durch Zufall des Pulse-Generators, gemischt mit zufälligen Melodien des Sequenzers. Über Wochen hörten sie die Tracks bei ihrer täglichen Arbeit und entschieden dann, es als Album rauszubringen. Wer ein ähnliches, organisch-synthetisches Album wie “Hydroponic” Garden oder “Derelicts” erwartet, wird stochastisch enttäuscht sein. Auch wenn der erste Track, “6Equi5” mich vordergründig organisch Lügen straft. Das hier ist kein Progressive Rock, für mich ist es dennoch das progressivste Ambient (nicht Rock!) Album, das ich kenne.
Bevor ich versuche darzustellen, warum dieses Werk in beide Richtungen für mich funktioniert (passiv und aktiv) und ich es als progressives Ambient Werk betrachte, gehe ich auf das Design des Digipacks ein. Die Strukturen erinnern mich an mathematische Apfelmännchen, die zufällige Formen ausbilden. Besonders gefällt es mir, dass die Tracks mit ihren Hauptdarstellern, nämlich den verwendeten elektronischen Instrumenten, aufgelistet sind.
Um das Album im CBL (Carbon Based Lifeforms) Kanon einzuordnen, hier der Vergleich zu “Hydroponic Garden” (2003), “Derelicts” (2017) und “Seeker” (2023).
“Hydroponic Garden” ist organisch, warm, schwebend, der Schwerpunkt liegt auf Melodie und Atmosphäre. Teils mit gesprochenen Vocals. “Derelicts” ist dunkel, weit und cineastisch. Schwerpunkt ist Raum und Dichte. “Seeker” legt den Schwerpunkt auf Bewegung und Rhythmus, ist deutlich spaciger, mit einem Reisecharakter.
“Stochastic” ist dagegen abstrakter, experimentell und langsamer in der Entwicklung. Wenn ich jetzt sage, das Stochastic für mich in beide Richtungen funktioniert und aktiv gehört keinesfalls langweilig ist, so liegt es an meiner Herangehensweise. Möchte ich nicht abgelenkt werden von der Musik oder seelisch runterkommen, funktioniert “Stochastic” mit seinem auf Zufall basierenden Klangräumen, gerade weil die Veränderungen langsam, subtil und fließend sind. Meine Gedanken können ebenfalls fließen und gleichzeitig komme ich runter. Das ist die große emotionale passive Stärke für mich.
Zum aktiven Hören verwende ich entweder In-Ear Monitore, denn hier “entstehen” die Klangbilder direkt im Kopf. Noch besser funktionieren offene Over-Ear Kopfhörer, hier sind die Klangflächen breiter, schwebend um den Kopf herum. Dieses aktive Zuhören erweckt alle möglichen Assoziationen in mir. Ich fühle mich schwebend im Weltraum, dystopisch und creepy wie im Film Blade Runner, oder einsam durch die Nacht ziehend in William Gibsons Cyberpunk Roman Neuroromacer. Das ist immer wieder spannend für mich, denn meine Assoziationen wandeln sich bei jedem aktiven zuhören.
Ich lasse jetzt den beschreibenden Teil hinter mir und versuche zu erklären, warum ausgerechnet dieses Album so einen Eindruck auf mich macht. Denn zunächst fand ich “Stochastic” überaus langweilig und ich wollte keine Rezension daran verschwenden. Trotzdem hörte ich es ab und zu im Hintergrund, aber erst als ich es über meine IEMs (In-Ear Monitor) hörte, revidierte ich mein vorschnelles und falsches Urteil. Wem das jetzt zu akademisch wird, der möge zum Fazit springen.
Rein zufällig ist dieses Album nicht, denn CBL gaben Harmonien, Klang und Frequenzen vor. Die Ausführung übernahmen dann teilweise die Geräte mit zufälligen Sequenzen und Hüllkurven. Die Komposition entstand durch kontrollierten Zufall, könnte man sagen. Das Album besitzt kein Songwriting im eigentlichen Sinne. Andere CBL Alben sind eher nach dem Prinzip Idee, Sequenzen, Wiederholungen, Variationen und Entwicklungen aufgebaut. “Stochastic” dagegen ist nach dem Prinzip Klangraum, Regeln, Zufall und andauernden Veränderungen entstanden. Daneben ist der Rhythmus auf den meisten CBL Alben ein wichtiges Element (Bass, Sequenzen, Puls und das auch in langsameren Passagen). Hier sind es Pulsationen, kurze Sequenzen, Lautstärkeveränderungen, wiederkehrende Impulse und Filterbewegungen.
So bewegt sich die Musik, nur nicht zielgerichtet. Mikroskopische Bewegungen ersetzen hier den rhythmischen Vortrieb. Dieses Album bewegt sich zwischen Zufall, begrenzten Möglichkeiten und mathematischer Ordnung. Weiter möchte ich die Musikanalyse nicht treiben, ich hoffe meine Beispiele reichen aus, den interessierten Hörern meine Begeisterung für dieses Album nachzuvollziehbar zu gestalten.
Warum ich “Stochastic” als progressives Ambient (nicht Rock!) Album bezeichne? Es bricht die typische Kompositionsformel aus Komponist schreibt Noten bzw. Sequenzen und ein Musiker oder Synthesizer gibt sie wieder. Bei “Stochastic” gibt der Komponist die Regeln, den Klangraum und die Parameter vor und der Zufallprozess liefert die Ergebnisse. So stellt sich also nicht die Frage, was kommt als nächstes, sondern welche musikalischen Möglichkeiten in diesem Phasenraum entstehen können.
Es gibt keine komplexen Soli, keine Frickeleie, keine großen Entwicklungen, wie im Proressive Rock. Das experimentelle ist hier der Kompositionsprozess. Für mich ist “Stochastic” das progressivste Ambient Album und zwar nicht, weil es komplexer ist, als vorhandene Ambient Alben. CBL hat hier bewusst die konventionelle Kontrolle über die Komposition teilweise abgegeben.
Das Fazit ist kurz. Ambient, der einen nicht ablenkt. “Stochastic” funktioniert bei mir am besten beim aktiven hören, wenn ich anfange, meiner Fantasie freien Lauf zu lassen. Die größte Stärke besteht für mich jedoch darin, dass es die konventionelle Vorstellung von Progression in der Musik verschiebt. Das ist dass eigentlich progressive an “Stochastic”.
Hörkette: CD-Player – hybrider Röhren/Transistor Class A Vorverstärker – Class AB Endstufe – Lautsprecher; zusätzliches Gegenhören mit IEM und offenem Over-Ear-Kopfhörer.
Die Fotos stammen alle von meiner CD. Die Rechte aller Motive, Logos, Texte und Schriften, die auf den Fotos zu sehen sind, liegen natürlich beim Rechteinhaber.
TheProgThief
©14.09.2026




