The Future Bites by Steven Wilson
Steven Wilson
“The Future Bites”
Album, LP, White Vinyl, Limited, 2021. Neo-Pop-Disco-Artrock.
Über Steven Wilson als Mastermind hinter Porcupine Tree brauche ich nicht mehr viel zu sagen. Steven John Wilson ist ein britischer Musiker. Er spielt diverse Instrumente und ist als erlernter Produzent, Tontechniker, Gitarrist und Keyboarder ein ausgewiesener Autodidakt. Als Steven Wilson 2009 seine Solo-Karriere mit dem ersten Album “Insurgentes” anschob und 2010 Porcupine Tree auf Eis legte, begangen hitzige Debatten in der Gemeinde der Porcupine Tree und Progressive Rock Fans. Insbesondere “The Future Bites” stieß auf viel Ablehnung, denn es ist alles, nur kein Progressive Rock. Manche Fans, so auch ich, wollten Steven Wilsons Musik “durch die immer gleiche gewohnte Tür betreten”. Doch Steven Wilson wäre nicht Steven Wilson, wenn er es uns leicht machen würde.
Ich werde an diese Rezension anders herangehen, denn lange Zeit sah ich Steven Wilson nur als den Prog-Rock Guru unserer Zeit. Selbst den beiden Porcupine Tree Alben “Stupid Dream” und “Lightbulb Sun” bin ich 20! Jahre aus den Weg gegangen und heute betrachte ich die vermeintlichen “Brit-Pop” Alben als Evolution der Band Porcupine Tree. Inzwischen ist “The Future Bites” neben “Grace For Drowning“, “4 1/2” und “The Overview” mein 4. Album von Steven Wilson.
Als von Porcupine Tree verwöhnter Prog-Head waren meine ersten Steven Wilson Alben logischerweise mit “Grace For Drowning” und “The Overview” ausgewiesene Progressive Rock Alben. Mit “The Future Bites” kommt mein erstes nicht Prog-Album auf den Teller. Und es schmeckt bis auf eine Ausnahme sehr gut. Electro/Pop/Disco ist nicht meine Musik, hier ist sie aber tiefgründig und interessant gestaltet.
UNSELF
Die drei ersten Songs bringen eine unterkühle Atmosphäre des Industrials mit sich.
SELF
„Ich habe mich nie als Prog-Rock-Künstler gesehen. Und ich wehre mich gegen die Einstufung als ganz gewöhnlicher Musiker.“ “Entertain, like a fucking clown.”
KING GHOST
Mystischer, unterkühlter, futuristischer, elegischer Synthie Pop. Diese drei Songs von “The Future Bites” stehen stellvertretend für das bisher mutigste und zugleich polarisierenste Album Steven Wilsons.
Warum klingt dieses Album so anders? Steven holte David Kosten mit ins Boot, da dieser eine andere Sichtweise ins Spiel brachte. Steven: „Oh, das klingt ja wie Kraftwerk. Wie toll ist das denn?“ Oder: „Das hat was von Prince oder Pink Floyd. Das muss ich unbedingt verwenden.“ David ist das exakte Gegenteil davon. Er sagt eher: „Das können wir nicht machen. Das klingt wie Kraftwerk. Lass uns was anderes probieren.“ Oder: „Das ist doch Pink Floyd. Lassen wir die Finger davon.“ Ich fand es so erfrischend, jemanden neben mir zu haben, der meint: „Tu das nicht, weil es wie etwas klingt, das du liebst. Das ist genau der Grund, warum du es nicht tun solltest. Probier was anderes.“
12 THINGS I FORGOT passt dann für mich überhaupt nicht in dieses Album. Ein für mich langweiliger, wenngleich netter, Pop-Song. Wahrscheinlich wollte Steven diesen Bruch, um die bisherige unterkühlte Atmosphäre zu unterbrechen. Dieser Song wäre besser in einen Blackfield Album aufgehoben, hier wirkt er für mich völlig deplatziert.
EMINENT SLEAZE erinnert vom Rhodes her leicht an Pink Floyd, der Song ist aber ganz und gar nicht Pink Floyd. Der Bass ist sauber und groovig. Fügt sich nahtlos in das Album ein.
MAN OF THE PEOPLE ist für mich der viel bessere Break. Hier beweist Steven, das er sehr wohl fähig ist, interessanten Pop zu machen. Der auch jetzt nach zwanzig Durchgängen immer noch funktioniert. Wilson ist mächtig Stolz auf dieses Lied. Was Teile seiner Prog-Rock Fans, zunächst auch mich, den “alten” Steven Wilson zurück wünschte. So verweigerte ich mich zunächst komplett seiner Solo-Karriere. Was nicht nach Prog klang, wollte ich auch gar nicht erst anhören. Jedoch setzte ich mich mehr und mehr im Zuge dieser Website mit Musik auseinander und meine Sicht hat sich geöffnet. Auch für “The Future Bites”. Und ich verstehe warum Wilson sagt: „Auf gewisse Weise sind solche Reaktionen auch eine Auszeichnung. Sie stehen dafür, dass ich das Richtige tue. Und sie gehören einfach dazu. Ich will jetzt niemanden verletzen, aber es ist wirklich so, dass die Fans Feinde der Kreativität sein können. Einfach, weil sie immer denselben Zugang zu deinem Universum erwarten. Nämlich den, durch den sie es irgendwann einmal betreten haben. Jetzt wollen sie ständig dieselbe Tür nehmen und dabei auch das exakt selbe fühlen. Nur: Für mich ist das nicht das, worum es bei einem Künstler gehen sollte.“
Und damit ist Seite A durch und es ist ein starkes, forderndes Album.
Auf Seite B befindet sich mit 09:49 Minuten Länge mein Herz des Albums, PERSONAL SHOPPER. Wir hören neben Steven Wilson noch die Stimmen von Rotem Wilson und Elton John. Noch nie ein so nachdenkliches, vielschichtiges Stück Neo-Disco-Electro-Artrock gehört. Das muss doch jeden Prog-Fan das Herz öffnen! Bei mir hat es funktioniert. FOLLOWER ist ein ungemein guter Tritt in die negativen Folgen von Social-Media. Highlight zwei von Seite B. COUNT OF UNEASE ist der ruhige und atmosphärisch dichte letzte Song. Und ich erfasse es jetzt: dieses Album ist großartig.
Kommen wir also zum Fazit. Kein Prog? Kein Prog. Dafür Neo-Pop-Disco-Artrock, Viel Elektro, Industrial und ein wenig Rock. SW erschafft nichts neues und das ist auch nicht sein Anspruch. Es ist immer interessant. Es kann immer wieder gehört werden, ist spannend, atmosphärisch dicht (Phrase, ich weiß) und hat eine Aussage. SW will uns hier nicht belehren, er hält uns einen Spiegel hin und wir (genau wie Steven) erkennen uns oft selbst wieder. Es geht um Social Media, die übertriebene Selbstdarstellung, Konsumwahn, vor allem von Dingen, die wir eigentlich nicht brauchen. Wir verlieren unser “gesundes” Sozialverhalten in der Anonymität des Internets und nutzen es für Hass. Kein Prog? Kein Prog und das tut nicht nur SW als Künstler gut, das tut uns gut. Eigentlich ist es ganz einfach: Niemand von uns Fans hat einen Anspruch darauf, was Steven Wilson für Musik machen möchte. Bei nicht gefallen einfach loslassen.
Credits
Steven Wilson – Vocals, Acoustic and E-Guitar, Bass, Piano (Leslie), Synthesizer, Sampler, Shaker, Electric Piano (Fender Rhodes), Percussion, Handclaps, Autoharp, Organ (Hammond).
David Kosten – Drone, Programming.
Emilia, Gali, Guy, Lihi, Mati, Romi, Shai, Tom, Mia and Yali Wilson – (Kid) Voices.
David Barbieri – Synthesizer.
Bobbie Gordon, Crystal Williams, JAKL, Mos Capri, Rina Mushonga, Rou Reynolds, Wendy Harriott, Blaine Harrison, Jack Flanagan – Vocals.
Elton John, Rotem Wilson – Voices.
Michael Spearman – Drums, HiHat.
Adam Holzman – Synthesizer (Doepfer Modular), Electric Piano (Wahwah).
Nick Beggs – Bass Guitar, Chapman Stick, Guitar (Phased).
Jason Cooper – Cymbal, Percussion.
The London Session Orchestra – Strings.
Die Fotos stammen alle von meiner LP. Die Rechte aller Motive, Logos, Texte und Schriften, die auf den Fotos zu sehen sind, liegen natürlich beim Rechteinhaber.
No AI was used in the making of this Review.
©06.01.2026








