if_then_else by The Gathering
The Gathering
“if_then_else”
Genre? What Genre?
- CD, Album, Digipak
Box-Set, Limited Edition 2000 - Century Media
- 77298-0
- gebraucht
Nach dem experimentelleren “How To Measure A Planet?” erschien 2000 mit “if_then_else” ein rockigeres Album. Ich stecke The Gathering seit der Anneke van Giersbergen Phase einfach zum Progressive Rock. Und das stimmt nicht so ganz, denn bei The Gathering verschwimmen die Grenzen. Wie if_then_else eines binären Computers ist die Musik von The Gathering nicht, sie ist wie ein Quantencomputer: alle Genres bestehen gleichzeitig. Allerdings dreht sich dieses Album nicht um Computer, sondern um Menschen. Denn so wie “Rot eine langsame Farbe ist”, so wird die Welt immer schneller. Man muss zwischendurch wieder die eigene Langsamkeit bewusst hervorholen, um nicht von der Welt überrollt zu werden.
Hinter dem Cover sehe ich deshalb keine Unschärferelation, sondern eine beschleunigte Welt. Die Auflösung findet sich auf dem Backcover: Nur die Band steht still und hält inne, während der Rest der Menschen als unscharfe, rasende Masse vorbeizieht.
„Rollercoaster“ und „Shot To Pieces“ geben zunächst das Tempo vor. Und da muss der Mensch mithalten. Besonders „Shot To Pieces“ gibt Annekes Gesang das Tempo vor: „What fine judgement I see“ und dann „in the eyes of our world leaders“. Und da gab es Donald Trump noch nicht! Interessanter aber sind die nächsten beiden Zeilen: „O how beautiful life could be“ und dann „if it hadn’t shot to pieces“. Ich empfinde Annekes Gesang hier als zynisch, spöttisch. Und der Song zieht sein Tempo gnadenlos durch. „Amity“ bringt vordergründig Ruhe, doch die Lyrics bringen melancholische Dunkelheit. Hier betont Anneke die Lyrics ganz anders: Sie zieht einzelne Wörter in die Länge, und auch hier gibt der langsame, sich wiederholende Rhythmus ihr das Tempo vor. „Colorado Incident“ bekommt für mich eine besondere Note, denn hier steckt tatsächlich eine echte Begebenheit der Band mit drin. Ein Konzert musste abgesagt werden, unter anderem wegen Krankheit. Dabei schwankt der Song zwischen gitarrenlastigen, schnellen Parts und einer kurzen Pause. Wenn der Mensch sich keine Ruhe gönnen kann, dann holt sie sich der Körper.
Ich werde nicht auf jeden Track eingehen, aber ich hoffe, ihr habt ein Gefühl dafür bekommen, dass The Gathering nicht einfach nur Musik macht, sondern mit viel Liebe durchdachte Alben erschaffen.
Dabei fällt es mir schwer, einen Song wie „Analog Park“ als mein Herz des Albums außen vor zu lassen. Denn hier sitzt Anneke auf einer Parkbank, und wir hören, wie ihr Kopf abschaltet und wie sie in Ruhe ihre analoge Umwelt wahrnimmt und beschreibt. Und doch „greift“ etwas nach ihrer Kehle. Ihre Unruhe.
Zum Schluss wird es psychedelisch in meinen Anspieltipps. Die große blaue Raupe aus „Alice im Wunderland“ sitzt auf dem Pilz mit der langen Pfeife. Hier haben wir es mit einer gesprochenen Szene zu tun. Und wie die Pflanzen sich bewegen, so bewegt sich auch die Sprache. Das geht über in den Song „Herbal Movement“, und ich persönlich betrachte beide als einen Song. Und hier singt Anneke so, wie ich es besonders mag. Ganz ruhig, schwebend kommt sie im ruhigen Part daher. Und dann steigt sie emotional, aber immer noch schwebend, an.
Fazit
„if_then_else“ ist anders als „Nighttime Birds“, mehr harte Riffs und eine direktere Ausrichtung als das experimentelle „How To Measure A Planet“. Gerade dieser Wandel macht für mich jedes Album besonders. The Gathering hat die Qualität über verschiedene musikalische Entwicklungen hinweg hochgehalten. Das schafft nicht jede Band. Und für mich ist das offener Prog.
Die Fotos stammen alle von meiner CD. Die Rechte aller Motive, Logos, Texte und Schriften, die auf den Fotos zu sehen sind, liegen natürlich beim Rechteinhaber.
TheProgThief
©29.09.2026



