Theatre Of Tragedy
CD Album Musique by Theatre Of Tragedy. Frontcover“Musique”

Theatre Of TragedyCD Album Storm by Theatre Of Tragedy. Frontcover“Storm”

Assembly by Theatre of Tragedy

CD Album Assembly von Theatre of Tragedy, Frontcover

Theatre of Tragedy
“Assembly”
Electro, Synth, Industrial Rock. 

• CD, Digipack
• Remaster, Reissue
• 2020
• AFM Records
• AFM 738-9
• gebraucht

Ich bespreche hier den von AFM Records 2020 herausgegebenen limitierten Digipack, der auch ein Booklet enthält.
2002 ging mit “Assembly” die mit “Musique” neu eingeschlagene stilistische Richtung der norwegischen Band  weiter. Nachdem das deutlich elektronischere “Musique” weder von den Kritikern noch von den (alt) Fans gut angenommen wurde, waren die Kritiken dem Electro-Metal Album “Assembly” gegenüber wohlwollender gestimmt. Liv Kristine war in einem Interview dann auch der Meinung, dass, wenn “Assembly” vor “Musique” erschienen wäre, der Bruch weniger stark gewesen wäre. Doch auch dieses Album blieb hinter den Erwartungen zurück. Ich allerdings mag an Theatre of Tragedy jeden Stil und gerade auf “Musique” und “Assembly” die Bandbreite der Stimme von Liv Kristine. Denn hier singt sie nicht in ihrem normalen Sopran, sondern eine Oktave tiefer. Liv hat alle Texte (außer “You Keep Me Hanging On”) geschrieben.

CD Album Assembly von Theatre of Tragedy, Sängerin Liv Kristine

Natürlich besteht die Band nicht nur aus Liv Kristine, dennoch ist sie, insbesondere durch ihre zunächst sirenenhafte Stimme, das Aushängeschild. Besonders wenn wir bedenken, dass sie am Anfang “nur” als Background-Sängerin gedacht war. Doch sie avancierte sehr schnell zur Duett-Partnerin von Raymond Rohonyi. Dass ihre Stimme für noch mehr taugt, zeigte sich besonders auf “Musique” und “Assembly”. Gerade ihre versatile Stimme kontrastiert stark mit der industriellen, synthetischen Grundlage beider Alben. Schön ist auch hier die zweite Stimme von Raymond István Rohonyi. Gerade der unterschiedliche Gesang der beiden erschafft eine weitere Ebene.

CD Album Assembly von Theatre of Tragedy, Songs

Ich springe gleich zu Lied Nummer 6. Ein Cover eines Kim Wilde Covers eines Songs der The Supremes. Ein guter Song zum Tanzen, gerade wegen des gitarrelastigen Refrains. Der Song ist mir zu sehr Pop-Cover und zu wenig das, was Theatre Of Tragedy auf diesem vermeintlich “simplen” Album zelebriert. Der Vorschlag, einen Cover-Song zu machen, kam auch nicht von der Band, sondern vom Label. Song 1, “Automatic Lover”, aufgebaut als elektronischer Beat – wiederholende Synthesizerfigur – Gesang – Gitarren-/Metal-Elemente – erneute elektronische Grundstruktur mag für manche monoton wirken, auf mich wirkt es schon fast magisch hypnotisch.  Highlight und ein starker Anfang. Nichts Sirenenhaftes, nichts Ätherisches. Stattdessen fast schon kalt erotisch, fordernd. Ein cooler Clubsong. Song 2, “Universal Race”, ist fast schon kindlich im Gesang, aber auch hart im musikalischen Gewand. Eine Allegorie auf Intersexualität, ausgedrückt durch Space-Travel. Stark. Alle Songs, außer dem für mich unsinnigen “You Keep Me Hanging On”, haben ihre eigenen Stärken. “Let you Down” und “Envision” sind weitere gute Songs. Mir gefällt gerade der Kontrast ausgesprochen gut. Die unterkühlte, synthetische Grundlage empfinde ich nicht als steril, sondern als ideale Umgebung für Liv Kristines wandelbare Stimme. Sie singt hier nicht im gleichbleibenden, gewohnten Sopran, sondern wesentlich pointierter im Zusammenspiel zwischen Musik und Lyrics.

CD Album Assembly von Theatre of Tragedy, Backcover

“Liquid Man” packt mich sehr stark, hier zerfließe ich förmlich in Livs Stimme. An diesem Song möchte ich zeigen, dass Assembly eben kein simples Album ist.
Hier haben wir es nicht mit der über alles schwebenden Gothic-Metal Liv zu tun. Hier ist sie nah, verführerisch, sie muss nicht laut werden, um uns ihre fast schon körperliche Präsenz spüren zu lassen. Es ist fast so, als wenn sie uns lasziv ins Ohr flüstern würde.
Rohonyi ist hier die bewusste Störung. Liv ist warm, sinnlich, sie bringt das Menschliche, Greifbare. Rohonyi klingt distanziert, trocken und fast  entkörperlicht. Liv ist nah, Rohonyi ist sich nicht ganz sicher, wo er ist.
Der Text “dissolves like smoke”, “blurred image”, “out of phase”, “different time and space”, “wearing new eyes” benennt Wahrnehmungsverschiebungen, wir haben es hier nicht einfach mit einem klassischen Liebeslied zu tun, denn hier wird die Lage instabil.
“Liquid Man” ist ein passender Titel und das nicht nur, weil es poetisch ist. Er fühlt sich fest und flüssig zugleich an. Diese Widersprüchlichkeit durchzieht das ganze Lied. Der Text beschreibt Auflösung, nur Liv ist nah, ihre Stimme hat Atem, Wärme und lockende Erotik. Akustisch ist sie diese Person, sie singt nicht über irgendeine Person. Und es klingt, als wolle Rohonyi diese akustische Person erreichen.
Der Kontrast zur männlichen Stimme macht Livs Gesang noch sinnlicher. Es sind zwei Ebenen und sie werden übereinander gelegt. Dadurch erscheint uns Liv nicht mehr nur als Sängerin, dadurch wird ihre Körperlichkeit hörbar.
“Do you complete me?” bekommt dadurch Bedeutung, weil hier ein Mensch (Rohonyi) nicht mehr weiß, wo er steht. Und der Song funktioniert für mich dadurch viel besser, da es hier keine romantische Auflösung gibt. Klingt paradox, doch dadurch wirkt der Song noch romantischer auf mich. Nur “Just try, just try”.
Text und Rhythmus bilden eine Einheit, sie kreisen schwebend umeinander und kommen doch nirgendwo an. Darüber liegt Liv und das macht den Song tanzbar, erotisch, melancholisch und desorientiert.

Und auch ohne diese Analyse funktioniert für mich der Track. Er erzeugt Stimmung und ich muss nicht verstehen, warum. Ich fand zunächst den Gedanken verführerisch, Rohonyi zur Dekoration zu erklären, aber ohne ihn würde der Track nicht so funktionieren, wie er es tut.

CD Album Assembly von Theatre of Tragedy, Innencover

Fazit.

Mit “Assembly” und “Musique” stehe ich mit meiner Meinung eher alleine auf der Tanzfläche. Wer guten Gesang, Synth-Rock mit Alternative Metal und Industrial gemischt mag, ist hier genau richtig. Ich verstehe, warum andere Hörer mit dem Album Schwierigkeiten hatten und haben. Wer Theatre Of Tragedy vor allem wegen der schweren Gitarren, der düsteren Atmosphäre und des Wechselspiels zwischen Growls und weiblichem Gesang (Beauty and the Beast) mag, wird mit der elektronischeren Ausrichtung der Band seine Schwierigkeiten haben. Für mich funktioniert dieses Album, weil der technoide Charakter des Albums wunderbar mit Liv Kristines Stimme kontrastiert. Ich nenne es “Beauty and the Technical World”. Ich verschiebe dieses Album für mich in eine Cyberpunk-Zukunft. Und es ist mir egal, ob das überhaupt so gewollt ist von der Band. Für mich funktioniert meine Interpretation.

Theatre of Tragedy 1995
Velvet Darkness They Fear 1996
A Rose for the Dead (EP) 1997
Aegis 1998
Musique 2000
Assembly 2002
Storm 2006
Forever is the World 2009
Remixed 2019 (only Remixes)

Die Fotos stammen alle von meiner CD. Die Rechte aller Motive, Logos, Texte und Schriften, die auf den Fotos zu sehen sind, liegen natürlich beim Rechteinhaber.

TheProgThief
©24.08.2024
Mk 5

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