01011001 by Ayreon
Ayreon
“01011001”
3-LP. Clear-blue Vinyl.
2008 erschien mit “01011001” ein weiteres Album zum langen Erzählfaden der Forever. Chronologisch betrachtet steht es für mich an zweiter Stelle, verknüpft es doch die Vorgeschichte der Alphans und der Forever in „The Source“ mit „The Final Experiment“, dem vergeblichen Versuch der Forever, die Menschheit vor ihrer eigenen Vernichtung zu bewahren. Dieses außerirdische Volk hat ihre Emotionalität im Laufe der Jahrtausende verloren. Kurzform: Ayreon macht proggige, metallige Rockmusik. Konzeptalben, zu denen Arjen jede Menge Gastmusiker einlädt.
Wenn Arjen ruft, kommen Musiker/innen herbei. Das ist auch auf diesem Album nicht anders. Floor Jansen (Nightwish, Ex After Forever), Anneke van Giersbergen (Ex The Gathering), Hansi Kürsch (Blind Guardian), der leider verstorbene Steve Lee (Gotthard), Tom S. Eglund (Evergrey) und noch mehr. Jeder Musiker spielt oder singt eine eigene Rolle. Jeder dieser Musiker hat seine Stärken und Arjen versteht es immer wieder, diese in musikalische Bilder umzusetzen.
Die Forever haben also unser Schicksal beeinflusst, um ihren eigenen Untergang zu verhindern. Insgesamt betrachtet Ayreon wie Themen wie Gen-Manipulation. Wer ist es wert, zu überleben? Dürfen wir Gott spielen? Sind alle Mittel recht? Wohin führt uns Technik und KI? Das sind auch heute aktuelle Fragen, nicht nur philosophische, sondern auch praktische. Inwieweit sich die Hörer damit auseinandersetzen (wollen), soll hier aber nicht das Thema sein. Funktioniert die Musik auch ohne tief in die Story einzutauchen?
Und die hat es in sich! Auch hier sitzt jeder Ton! Jede Note, jeder Hauch wird fein seziert, analysiert und neu eingefügt. Zufall gibt es hier nicht. Für manche Kritiker ist Perfektion ein Graus. Für mich funktioniert auch Perfektion. Manche lieben Blues oder Jazz, Musik, die eher aus der Magengegend kommt. Auch das liebe ich. Instinktives sollte hier nicht erwartet werden. Bei Arjen Lucassen klingt trotz vieler Gastmusiker alles aus einem Guss. Nur warum sollte ich “01011001” seine epische, bombastische Form vorhalten? Es ist reine Geschmackssache und hat mit der Qualität nichts zu tun. Wer perfekte epische Musik nicht mag, wird woanders glücklicher werden. Definitiv lässt sich diese Platte auch ohne Kenntnis der tieferen Story unterhaltsam hören. Stellt euch das Silmarillion von Tolkien vor, versetzt das in den Weltraum und ihr erhaltet die Genesis der Forever des Planeten Y und unsere dazu (denn wir stammen aus deren DNA). Und haben die Forever Fehler der Vergangenheit wiederholt? Schaut euch uns Menschen an.
Schon die ersten drei Songs, „Age Of Shadows“ (schön spacig, episch, rockiger Metal, mit der göttlichen Annneke van Giersbergen), „Comatose“ (Darkrock) und „Liquid Eternity“, sind ein Fest in etwas über 23 Minuten. Das ist auch proggig, wenn auch ohne “Frickeleien”. Es gibt also gleich richtig was Gutes auf die Ohren. Demgegenüber klingt “Connect The Dots” ohne Rückgriff auf das Vorgängeralbum The Human Equation fehl am Platze. So gehört es zum Konzept und ich kann damit leben. Dass das deutlich besser geht, beweist Arjen mit “Beneath The Waves”, welches klar an die Alben “The Final Experiment” und “The Dream Sequencer” erinnert. Überhaupt gibt einige Stellen, die auf die anderen fünf Alben verweisen. Und nein, liebe Kritiker, das ist keine Schwäche dieses Albums. Es verwebt die kurzen Fäden zu einem Großen. Und das gelingt ungewöhnlich gut.
Weitere klasse Songs sind “Ride The Comet”, “Web Of Lies” (aktueller denn je), mit einem grandiosen Phideaux Xavier. “E=MC²” und “The Sixth Extinction” runden dieses Werk ab.
Moment! Die Platte ist durchgängig ohne Wellen und hat wenig Eigengeraüsche. Alle 3 LPs liegen nahezu perfekt auf dem Plattenspieler. Auch technisch gibt es nichts an der Musik auszusetzen. Alles klingt vertraut, ist typisch perfekt, nichts kneift oder drückt. Wer Progressive Rock, Metal, Art, Dark und gesangsorientierte Konzeptalben epischer Machart nicht mag, für den ist das nichts. Das ist für mich kein Kriterium der Qualität, sondern eines des Geschmacks. Und doch kenne ich keinen Zyklus, der diesem hier das Wasser reichen kann. Probiert die genannten Songs gerne auch einzeln aus, falls Konzeptalben neu für euch sind. Die Songs funktionieren für sich alleine auch ganz gut.
1995 The Final Experiment
1998 Into the Electric Castle
2000 Universal Migrator Part I “The Dream Sequencer”
+
2000 Universal Migrator Part II “Flight of the Migrator”
2004 The Human Equation
2008 01011001
2017 The Source
Die Fotos stammen alle von meiner LP. Die Rechte aller Motive, Logos, Texte und Schriften, die auf den Fotos zu sehen sind, liegen natürlich beim Rechteinhaber.
TheProgThief
©04.11.2024
Mk 3
“The Source”




