Aégis by Theatre Of Tragedy

Album Aégis by Theatre of Tragedy. Frontcover

Theatre Of Tragedy
„Aégis“
Dark Rock. Limited green Vinyl 2 LP Remaster. 2022 (1998)

Jeder unbedarfte Fan musste sich 1998 an einen neuen Stil der Band Theatre Of Tragedy aus Stavanger / Norwegen gewöhnen. Statt „Die Schöne und das Biest“ Gothic Metal gab es Dark Rock der langsameren Art. Statt gegrunzten Growls gab es Klargesang von Raymond István Rohonyi. Der schöne helle Gesang von Liv Kristin der ersten zwei Alben blieb jedoch erhalten, so kommen wir erst auf den nächsten zwei Alben in den vollen Genuss der Bandbreite ihrer sehr versatilen Stimme. Raymond István Rohonyi klang für mich am Anfang zu gewollt, am Ende passt es aber doch gut zu theatralischen Gothic. Dieses Album wurde von der Kritik und Fans seiner Zeit sehr gut angenommen.

Album Aégis by Theatre of Tragedy. Innercover

Jeder Wechsel des Stils von Bands birgt die Gefahr in sich, Fans und Kritik vor dem Kopf zu schlagen. Eine Gefahr, die mich als Prog-Head nicht so sehr betrifft. Im Gegenteil, grundsätzlich begrüße ich solche Wandel. Jeden Stilwechsel von ToT (Theatre Of Tragedy) kann ich etwas abgewinnen. Natürlich könnte der Wandel einfach mit Mainstream und Kommerzialisierung zu tun haben. Aber auch das stört mich nicht, so lange die Musik gut bleibt. Das gelingt ToT sehr gut, kennen wir von dutzenden deutlich bekannteren Bands wesentlich schlechter. Also Gothic-Metal zu Dark Rock über Industrial Synth Pop/Rock und (mit neuer Sängerin) back to the roots. Wobei der Wechsel zum Synth (Dark-) Pop/Rock deutlich kontroverser ausgefallen ist. Dazu mehr in meiner Rezension zum Album „Assembly„.

Album Aégis by Theatre of Tragedy. LP A

Gleich im Opener „Cassandra“ wird klar, das ToT seinen altmodischen verschnörkelten Englisch treu bleibt:

„He thought her life, save moreo’er scourge,
She held him august, yet wee;
He left her ne’er without his heart“

Der Gott Apollon belegt Kassandra mit einem Fluch, da sie seine Avancen ablehnt. Und so wurden keine ihrer Prophezeihungen wahr. Der tragische Song wird ohne Härte vorgetragen, lebt vom düsterem Rock und Livs unvergleichlicher Stimme im Kontrast zu Istvans Klargesang. Ich bin überzeugt, denn es geht um Macht und Sex, ein Thema das nichts von seiner traurigen Aktualität verloren hat.  

„Lorelei“ beschreibt die unerwiederte Liebe eines Dichters. Liv Kristine als Lorelei aus der deutschen Sage gelingt der Spagat zwischen betörend sirenenhaft und aufbrausend. Istvan als tragischer Dichter. Deutlich schneller als der Opener, aber auch schön fließend.

Und so wie die ersten beiden Songs geht es auf „Aégis“ um Archetypen der Weiblichkeit. „Angelique“ und „Samantha“ beschließen Seite A, auf Seite B runden „Aœde“, „Siren“ und „Virago“ die durchweg guten Songs ab. Durchhören? Daumen hoch!

Album Aégis by Theatre of Tragedy. LP D

Seite C bringt uns noch „Venus“, „Poppæa“ und „Bacchante“. Auch diese Songs fügen sich sehr gut ein und bringen die Atmosphäre weiter. Auf Seite D finden wir noch „Cassandra“ und „Aœde“ als Edit Versionen und die drei Demos „Lorelei“, „Virago“ und „Untiteld“. Ich brauche die Edits und Demos nicht, für Enthusiasten sicher brauchbar.

Album Aégis by Theatre of Tragedy. Backcover

Theatre Of Tragedy ist es mit ihrem Album „Aégis“ gelungen, ihren Stil weg vom Gothic Metal hin zum Dark Rock zu transformieren. An ihren „antiken“ Lyrics und dem Wechsel zwischen Istvans und Livs Gesang wurde festgehalten und so growlt Istvan wenigstens auf „Bacchante“ noch einmal. Tragödie verpackt in Dark Rock. Musikalisch brilliant, atmosphärisch dicht, von ruhig bis rockig und natürlich episch. Der mir auf 200 Stück limitierte vorliegende, in grün gepresste vinyle Remaster von 2022 ist makellos, klingt sauber und liegt satt auf. Highlights: „Cassandra“, „Venus“ und „Bacchante“.

Mehr Reviews:

Theatre of Tragedy 1995
Velvet Darkness They Fear 1996
 A Rose for the Dead (EP) 1997
Aegis 1998
Musique 2000
Assembly 2002
Storm 2006
Forever is the World 2009
Remixed 2019 (only Remixes)

Die Fotos stammen alle von meiner LP. Die Rechte aller Motive, Logos, Texte und Schriften, die auf den Fotos zu sehen sind, liegen natürlich beim Rechteinhaber.

J. Specht
[info@theprogthief.de]